# 2 - Fehlerkultur & Perfektionismus
Vor einiger Zeit habe ich mich mit einer Freundin über unsere gegenwärtige Fehlerkultur unterhalten. Wir leben in einer Welt, in der wir komplett und ohne Rücksicht auf Verluste - auch die unserer physischen, psychischen und sozialen Gesundheit - danach streben das BESTE zu geben, das BESTE zu sein, das BESTE zu haben. Und das alles ohne Fehler. So ist es teilweise in den Köpfen vieler Menschen enthalten. Man denkt - manchmal ohne es zu wollen, dass man überhaupt keinen Fehler machen darf.
Beispielsweise auf der Arbeit. Alles ist geregelt - PERFEKT. Man muss den Kunden gegenüber ein gewisses Verhalten und vor allem auch gewisse Dienstleistungen bringen, aber Fehler machen darf man nicht - denn man konkurriert ja mit Unternehmen auf dem Markt und will den Wettbewerb gewinnen. Den Wettbewerb um das beste Unternehmen auf dem Markt zu sein. Da darf man sich keine Fehler erlauben, denn man muss produktiv sein und Gewinne erzielen. Und wer Fehler macht ist unprofessionell, unperfekt und „nicht für die entsprechende Position“ geeignet oder auf dem Markt nicht mehr konkurrenzfähig. So scheint es. So wird es uns vorgelebt. Aber die Frage ist: Ist das gesund? Ist das zukunftsfähig? Wo wollen wir hin?
Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft, in der psychische Belastungen steigen und damit auch Krankheiten wie Depression, Burnout und Ängste, Panikattacken oder auch Suchterkrankungen. Die Personen kommen aufgrund des Zeitdrucks oder auch des stetigen Leistungs- und Konkurrenzdrucks an ihre Grenzen, haben Schlafprobleme oder soziale Schwierigkeiten, Probleme mit ihrer Seele UND ihrem Körper. Stress und Schlafmangel führen zu schlimmen körperlichen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Arteriosklerose und vielem mehr. Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Bandscheibenvorfälle folgen. Die Menschen oder eher die Gesellschaft arbeitet sich krank. Denn es wird nicht mehr auf SICH geachtet. Und das ist traurig. Ghandi hat einmal gesagt, dass Menschen erst ihre Gesundheit aufopfern, um Geld zu verdienen und dann das Geld dafür ausgeben um ihre schlechte Gesundheit wieder zu verbessern bzw. die Gesundheit wiederherzustellen. Das ist so wahr. Aber macht keinen Sinn. Denkt mal darüber nach und schreibt mir eure Meinung dazu.
Ich finde dies ist eins der schlimmsten Dinge, welches sich in unserer Gesellschaft manifestiert hat. Und es macht mir auch teilweise Angst. Wo soll das denn bitte noch hingehen oder enden? Stephen Hawking hat die Antwort genannt: egal wie, die Menschheit wird sich selbst ausrotten. Denn wir leben in einer Zivilisation in der sich jeder für sehr schlau hält, schlauer als andere, besser als andere, aber niemand schaut auf die eigenen Hände. Jeder handelt so als wäre er ein fünfjähriges Kind - ohne wirklich Kind zu SEIN. Aber nur so tuend als wäre man unfassbar schlau und irgendwie doch noch komplett unerfahren - trotz des Alters. Kommen wir hierbei zu einer anderen Frage: Was macht eine intelligente Person aus? Was macht eine gebildete Person aus? Was ist der Unterschied zwischen Bildung und Intelligenz?
Zu glauben, dass auch eine Beziehung PERFEKT sein muss, dass der Traumpartner oder die Traumpartnerin perfekt sein muss ist allgegenwärtig verankert. Jeder hat zu hohe Ansprüche und ist am Ende unglücklich, weil selbst die 10/10 nicht ausreicht. Es gibt immer Menschen, die noch schöner und heißer sind. Man vergisst was man vor sich hat. Sieht bei den Personen nur die Fehler und bei neuen Personen erstmal nur die Sonnenseiten, denn die schattigen Plätzchen sind versteckt. Aber seien wir mal ehrlich. Es gibt niemals die Person, die 100 % perfekt ist. Jeder hat das ein oder andere Päckchen zu tragen, aber das macht uns menschlich, das macht uns individuell und grenzt uns von Robotern ab. Die nur funktionieren. Wobei viele Menschen im Alltag genauso reagieren und leben. Wie Roboter, die nur auf das Endprodukt fixiert sind und sich selbst im Moment vergessen. Und irgendwie versetzt uns das in einen dauerhaften Stresszustand. Streben nach Perfektion macht krank.
Was zur Hölle hat denn dieses Streben nach Perfektionismus so in unseren Köpfen manifestiert? Oder eher in den Köpfen der heutigen Gesellschaft? Wir denken zum Beispiel, dass wir das perfekteste Traumhaus bauen müssen - Fehler sind dabei auch nicht erlaubt. Und wenn es so wäre verklagen wir die Baufirma. Man ist heutzutage nicht mehr flexibel - nicht mehr anpassungs- und kompromissfähig. Sei es beim Essen, bei der Kleidung, bei der geplanten Route, bei egal was. Hier kommt noch etwas Wichtiges hinzu. Und zwar PLANEN manche Menschen zu viel. Und man kann nicht alles planen, denn dann versetzt man sich in Stress sobald ein Punkt auf der Liste nicht so läuft wie “geplant”. Sei es auf der geplanten Geburtstagsfeier, auf der Hochzeit etc. Leute, ihr müsst dir Balance finden zwischen Planung und Spontanität. Einen groben Plan - beispielsweise für das Wochenende - sollte man haben. Aber man kann trotzdem einfach spontan in das Wochenende hinein leben. Vielleicht kommen neue Ideen auf, man frühstückt länger, weil man gute Gespräche hatte und gerade den Moment genießt. Verpasst den Zug zum See - dann holt man eben den nächsten. Ich bin eher eine Person, die spontan ist. Denn zu viel Planung setzt mich unter Druck und in einen Stresszustand, sodass ich die Zeit weniger GENIESSEN kann, den Moment weniger GENIESSEN kann. Indem ich mir aber immer noch Optionen und Möglichkeiten offen lasse, gestalte ich kreativ den Tag und ich habe auch noch genug Handlungsspielraum, um adaptiv - auf den Moment reagierend - die Situation anzupassen / zu steuern . Und hierbei entstehen durch die gewisse Flexibilität und vor allem Spontanität die schönsten, aufregendsten und prägendsten Momente und Erinnerungen. Unperfekt perfekte Momente. Man ließ sich zum Beispiel beim Spazieren gehen einfach leiten, nahm eine Wegabzweigung früher und hat eine Stelle im Wald entdeckt, die unberührt und unvollkommen ist. Einen See in dem man schwimmen kann, oder eine Schnecke, die man Kunibert nennt (weil sie definitiv so aussieht) und man sie aus Versehen umgeschubst hat (weil Kunibert mitten auf dem Weg rumgekrochen ist) und man sich schuldig fühlt und ihn einfach 100 m weiter durch den Wald “mitnimmt”. Uber mal anders.
Und nun eine Frage: wie sehr lebt ihr in den Alltag SPONTAN und wie sehr GEPLANT? Wo ist Planung essentiell und wo solltet ihr mal weniger planen, mehr spontan sein und einfach LEBEN? Und dazu noch ein gutes Zitat von John Strelecky: “Manchmal geschehen wunderbare Dinge auf eine Weise, wie man es unmöglich planen könnte”. Das ist so wahr! Und denkt mal nach, wo traf das bisher in eurem Leben zu?
Kurz abgeschweift, aber nun zurück zur Fehlerkultur. Es wäre doch viel einfacher, dass wir mit unseren Liebsten oder unserem Chef darüber sprechen könnten, falls mal ein Fehler passiert ist, falls uns etwas passiert ist, was uns nicht passiert wäre - wenn wir genug geschlafen und aufgepasst HÄTTEN (hier kommt mein Lieblingsspruch ins Spiel: Hätte Hätte Fahrradkette) - Was passiert ist ist passiert. Und man kann nichts mehr daran ändern. Außer das eigene Denken. Man kann aufhören, dass man sich noch viel schlechter redet und sich schlechter fühlt - dass man so viel darüber nachdenkt, sich schämt, es einem peinlich ist, man vielleicht blockiert ist weiterzumachen, weil man Angst hat nochmal einen Fehler zu machen. Aber hey Leute. Fehler passieren und Fehlern machen uns stärker. Erinnert euch doch nochmal an eure Kindheit zurück oder eher gesagt daran, als ihr Laufen gelernt habt. Ihr seid gefallen, sehr oft sogar. Und seid wieder aufgestanden. Ihr habt euch weiterentwickelt. Und wenn eure Eltern euch nicht die ZEIT gelassen hätten laufen zu lernen, dann könntet ihr heute hier nicht stehen und von einem Ort zum anderen gehen. Und ganz ehrlich, ich stolpere immer noch teilweise mal über meine Füße. Unerklärbar. Manchmal auch auf ebener Strecke, aber ich habe eine gewisse Tollpatschigkeit in mir. Dann schlag ich mir zur Not die Knie auf, weil ich auch die Wurzel im Wald nicht kommen gesehen hab. Aber hey. Das hält mich nicht davon ab weiterzugehen, in meinem Tempo und in dem Gedanken, dass ich mal stolpern und Fehler machen darf. Und es natürlich halb so wild ist und mich nur noch stärker macht. Vielleicht bin ich deswegen auch so stark, weil ich schon oft gefallen bin. Aber wieder aufgestanden bin - alleine oder mit Hilfe meiner Freunde.
So ist es viel besser, wenn wir DIESEN Gedankengang auf unser Leben projizieren. Wir sollten eine stärkere Fehlerkultur zulassen - obwohl dies in gewisser Weise nicht immer möglich ist - und ich sage nicht, dass wir überall Fehler zulassen sollten (Nur, falls ihr euch das jetzt denkt). Lebensmittelfirmen dürfen keine Fehler machen. So hat beispielsweise Ferrero mit ihrer Kinder-Schokolade Milliarden-Verluste gemacht, weil es zu über 100 Vergiftungsfällen kam - denn ein Prozess in der Herstellung war verunreinigt - mit Salmonellen. Oder, dass ein Richter PERFEKT entscheiden muss, denn sonst sitzt der Falsche im Gefängnis, der der UNSCHULDIG ist. Und hierbei sollte perfekt und vor allem richtig gehandelt werden. Aber das sind Ausnahmen, die man aber auch nicht vergessen darf.
Es geht mir vielmehr darum, dass ihr im zwischenmenschlichen Kontakt, im sozialen Alltag, in Beruf oder Zuhause - in eurer Freizeit von eurem Glauben abkommen solltet - nicht müsst - keine Fehler machen zu DÜRFEN. Das ist etwas, was mir einfach geholfen hat. Denn ich dachte auch immer PERFEKT sein zu müssen. Und wie sagt man so schön: Aus Fehlern lernt man. Dieser Gedankengang befreit und gibt mir genug Atem mich weiterzuentwickeln, wie beim Laufen lernen. Fehler gehören irgendwie dazu. Und Fehler machen uns stärker.
Aus wirklich JEDEM Fehler - Beispielswiese auf der Arbeit - lernt man. Bei jeder Beziehung, die fehlschlägt. Lernt man auch, was man NICHT will. Eine gute Fehlerkultur wäre, dass natürlich Fehler nicht das IDEALE WÄREN, aber dass FALLS Fehler passieren, dass man erstmal nicht immer nur sagt oder sucht wer der SCHULDIGE ist. Sondern, dass man Gründe dafür sucht WARUM der Fehler passiert ist und wie man ihn auch vermeiden kann. Sofern es eben im Arbeitsumfeld stattgefunden hat. Also versucht einfach durch eure vergangenen Taten, die suboptimal waren zu lernen - dann wird es so oder so das nächste Mal besser werden. Ihr werdet besser, wenn ihr euch ausprobiert und einfach MACHT - ohne Angst vor Fehlern.
Wichtige Frage zum Abschluss: Wo denkt man, dass man perfekt sein MUSS - es aber eigentlich NICHT MUSS? Und merkt euch eines: Ihr seid perfekt ohne perfekt sein zu müssen! Und macht Fehler, denn wer fehlerhaft ist, ist wirklich ECHT! Und echte Menschen sind mittlerweile echt rar. Sie sterben aus, wie die Dinos in der Eiszeit. Und wer will bitte, dass die Eiszeit kommt? Ich nicht und ich hoffe ihr auch nicht? Also seid wärmer in Euren Herzen und verzeiht auch das nächste Mal einen Fehler, bei dem ihr normalerweise kein Auge zugedrückt hättet.
- Celine ohne Accent